Als die Träume schwimmen lernten

Der deutsche Hochsee-Kreuzfahrtmarkt boomt seit Jahren. Nach Angaben der internationalen Cruise Lines Association Clia haben 2018 mehr als 2,2 Millionen Gäste aus der Bundesrepublik ihren Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff verbracht, achtzehn neue Luxusliner wurden in Dienst gestellt, das Mittelmeer und Nordeuropa sind die beliebtesten Destinationen. Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Doch wer hat diese einzigartige Reiseform eigentlich erfunden? Ein Blick zurück in die Geschichte der Kreuzfahrt bis ins vorletzte Jahrhundert.

Text: Sebastian Conradt

Es muss ein kalter Tag gewesen sein, jener 22. Januar 1891, an dem eine wohl betuchte Reisegesellschaft auf ihr schwimmendes Vehikel wartete. Ein eisiger Wind wühlte die Nordsee auf, in Cuxhaven türmten sich Eisschollen. Auf dem Kai am Hafen standen 241 Passagiere, Rittergutsbesitzer, Kommerzienräte und Konsuln, aus Deutschland zumeist, aber auch Briten und Amerikaner unter ihnen. Sie hatten bis zu 2.400 Goldmark aufgebracht, um an einer „Exkursion nach Italien und dem Orient“ teilzunehmen. Die Dauer: „ca. 50 Tage.“ Ihr Transport­mittel: ein Schiff, die „Augusta Victoria“ der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft, kurz Hapag, Gewinnerin des Blauen Bandes mit der schnellsten Transatlantik-Jungfernfahrt von Ost nach West. Und die reisenden 174 Männer und 67 Frauen sollten in die Geschichte der Kreuzfahrt eingehen.

Der Schnelldampfer "Augusta Voctoria" ging in die Geschichte der Kreuzfahrt ein. Foto: John S. Johnston
1890: Schnelldampfer „Augusta Victoria“ war Ende des 19ten Jahrhunderts das größte deutsche Passagierschiff und fuhr für die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag), die damit die allererste Kreuzfahrt veranstaltete. Benannt wurde das Schiff nach der deutschen Kaiserin Auguste Viktoria. Foto: John S. Johnston

Als Kapitän Heinrich Barends ablegte, begann die erste aller planmäßigen Kreuzfahrten überhaupt. Mit an Bord war der visionäre, erst 33-jährige Direktor der Hapag, Albert Ballin, Chef der Passage-Abteilung der Hamburger Reederei, nebst Gattin Marianne. Zur Verabschiedung der außergewöhnlichen Unternehmung war sein Freund Kaiser Wilhelm II höchst persönlich an die Elbmündung gereist. „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Wasser“, lautete die Überzeugung des marinebegeisterten Monarchen. Mit diesem Rückenwind hat also auch der Kaiser Einfluss auf die Geschichte der Kreuzfahrt. Ihren Namen hatte die „Augusta Victoria“ von der Gattin des Kaisers erhalten, die korrekt allerdings „Auguste Viktoria“ hieß, was bei der Hapag offenkundig niemand so recht beachtet hatte. Der Fehler wurde erst 1897 behoben.

“Es fehlte selbst in meiner allernächsten Umgebung nicht an Leuten, die glaubten, es sei in meinem Oberstübchen nicht ganz richtig.”

Albert Ballin

Zu jener Zeit betrat kein Mensch freiwillig ein Schiff, der nicht eine Passage zu bewältigen hatte, die zwangsläufig über das Meer führte, schon gar nicht im Winter. Zu unsicher waren noch die schaukelnden Kähne, zu groß die Ängste vor Seekrankheit, Enge und fehlendem Trinkwasser. Von „Traumschiffen“ war man noch weit entfernt, Dampfer wie die „Augusta Victoria“ dienten dem Transport von Gütern und Menschen. Eingesetzt im Liniendienst zwischen Hamburg und New York eröffneten sie insbesondere Auswanderern einen Weg in die Neue Welt jenseits des Atlantiks.

Aus der Not eine Tugend machen

Doch in der kalten Jahreszeit, wenn Stürme über den Ozean fegten, blieben die Passagiere aus, und so kam es, dass die 1889 in Dienst gestellte „Augusta Victoria“ in ihrem ersten Winter ungenutzt auf Reede lag und der Hapag viele Kosten, aber keine Einnahmen bescherte. Gleichzeitig war der schnittige Doppelschrauben-Dampfer, als Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklung, ein schwimmender Palast mit Musik- und Rauchersalon, Damenzimmer und Restaurant – ideale Voraussetzungen also für eine „Vergnügungsreise“, die in die Geschichte der Kreuzfahrt eingehen sollte.

Feudales Leben auf dem Luxus-Liner: der Rauchersalon der "Augusta Victoria". Das hat sich im Verlauf der Geschichte der Kreuzfahrt ziemlich gewandelt. Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg
Feudales Leben auf dem Luxus-Liner: der Rauchersalon der “Augusta Victoria”. Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Und so ersann Albert Ballin das Konzept der Kreuzfahrt, womit er zunächst kaum Verständnis bei seinen Direktoriumskollegen erntete: „Es fehlte selbst in meiner allernächsten Umgebung nicht an Leuten, die glaubten, es sei in meinem Oberstübchen nicht ganz richtig“, bemerkte er.

Erst als die Kreuzfahrer an Gibraltar vorbei das Mittelmeer erreichten, besserten sich die Wetterverhältnisse und das Bordleben blühte auf. Eine Musikkapelle und Spiele auf dem Oberdeck dienten der Unterhaltung der Reisenden, es wurden „Caviarbrötchen“ gereicht, zum Frühstück schlürfte man bereits Austern, später am Tage folgte Champagner. Anlässlich des Geburtstags von Wilhelm II am 27. Januar gab es ein festliches Diner. In der Bordzeitung wurde, offenbar zur Erheiterung geplagter Passagiere, die Gründung des „Vereins gegen Seekrankheit“ bekannt gegeben. Der Maler und Zeichner Christian Wilhelm Allers fertigte Skizzen des munteren Treibens an Bord an, die er in seinem Bildband „Erinnerungen an die Reise der ,Augusta Victoria‘ in den Orient“ verewigte.

Höhepunkte der Kreuzfahrt waren vier- und fünftägige Landausflüge, etwa die Besichtigung der arabischen Viertel Kairos, der Pyramiden und eine Fahrt auf dem Nil. Von Jaffa aus folgten Abstecher nach Jerusalem und Bethlehem. Nach Beirut und Konstantinopel erreichte die „Augusta Victoria“ das griechische Piräus, Ausgangspunkt eines Besuchs der Akropolis in Athen. Bereits auf dem Rückweg wurde vom Hafen in Neapel ein Ausflug zur Besichtigung Roms organisiert. Nach weiteren Aufenthalten in Lissabon und Southampton erreichten die Reisenden nach 57 Tagen am 21. März 1891 wieder Cuxhaven.

Die erste Route in der Geschichte der Kreuzfahrt. Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg
Die Route der ersten Kreuzfahrt. Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Die Orientreise mit der „Augusta Victoria“ war ein voller Erfolg. Sie wurde in den beiden folgenden Jahren in ähnlicher Weise wiederholt. Doch war sie tatsächlich die erste Kreuzfahrt der Geschichte, Albert Ballin damit der Erfinder der Kreuzfahrt?

Albert Ballin hat sie nicht erfunden, aber er ist maßgeblich an der Geschichte der Kreuzfahrt und ihrer rasanten Entwicklung beteiligt

Die britische Peninsular & Oriental Steam Navigation Co. Ltd. (P&O) erweiterte bereits 1844 ihren Postdienst zwischen England und Alexandria zu einer Luxuskreuzfahrt nach Gibraltar, Malta und Athen. Und 1867 nahm Mark Twain an einer mehrmonatigen Schiffsreise mit dem Dampfsegler „Quaker City“ teil, von der er in seinem Reisetagebuch „Die Arglosen im Ausland“ berichtete. Die ebenfalls von P&O organisierte Tour brachte Pilger von New York ins Mittelmeer und nach Jerusalem im Heiligen Land. „Es wurde etwas gelesen und viel geraucht und gehäkelt“, erzählt Twain über seine „Reiseabenteuer in der Alten Welt“.

Auch der britische Unternehmer Thomas Cook hat an der Geschichte der Kreuzfahrt mitgeschrieben, als er 1875 eine Schiffsreise nach Norwegen, zur Mitternachtssonne am Nordkap veranstaltete. Ebenfalls nach Skandinavien führte die Reise des Bremer Reichspostdampfers „Kaiser Wilhelm II“ des Norddeutschen Lloyd, ewiger Konkurrent und späterer Partner der Hapag, der 1890 eine Sonderfahrt in die norwegischen Fjorde unternahm.

Der Verdienst Albert Ballins und der Hapag liegt somit nicht in der Erfindung von Rundreisen zur See an sich, wohl aber etablierten die Hamburger diese Reiseform, die es bis dato nur als vereinzelte Ausnahmen gegeben hatte, und bauten sie im großen Stil aus. Im Logo der Hapag Lloyd Cruises prangt noch heute die Jahreszahl 1891 im Zentrum, als Erinnerung an die Geburtsstunde dieser Geschichte.

Die „Prinzessin Victoria Luise“ als erstes ausschließlich für Kreuzfahrten konzipiertes Schiff

Nach den Kreuzfahrten ins Mittelmeer wurde die „Augusta Victoria“ im Sommer 1894 auf Nordland-Reise geschickt, die zu den Lofoten und nach Spitzbergen führte. Zwei Jahre später brach das Schwesterschiff „Columbia“ zur ersten Kreuzfahrt nach Westindien, der heutigen Karibik, auf. Hitze an Bord machte die Besatzung erfinderisch: Auf dem Vorschiff knüpfte sie ein Wachstuch in die Takelage, das täglich mit frischem Meerwasser befüllt wurde und so für Abkühlung sorgte – der Schiffspool war erfunden.

Im Sommer 1900 lief in der Hamburger Werft Blohm & Voss ein neues Schiff für die Hapag vom Stapel, das erstmals ausschließlich für Kreuzfahrten konzipiert war – „eine große Yacht“, schwärmte Ballin, „die weder Post noch Ladung befördert und nur für Reisende der ersten Klasse eingerichtet ist. Dieses Fahrzeug wird den Passagieren einen Comfort bieten, wie er bisher auf Schiffen niemals erreicht worden ist.“ Benannt wurde der Luxus-Kreuzer nach der einzigen Tochter des Kaisers „Prinzessin Victoria Luise“. Spätestens jetzt wurden Kreuzfahrten zu einem festen Bestandteil des Angebots der Hapag neben dem Linienverkehr.

Werbeposter für die Kreuzfahrten mit den Schiffen Auguste Victoria, Moltke und Prinzessin Victoria Luise. Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg
Werbeposter für die Kreuzfahrten mit den Schiffen Auguste Victoria, Moltke und Prinzessin Victoria Luise. Foto: Hapag-Lloyd AG, Hamburg

Im eifrigen Wettstreit entwickelten die Hapag und der Norddeutsche Lloyd im folgenden Jahrzehnt ihr touristisches Angebot weiter. Die Schiffe wurden größer und komfortabler, die Lust auf Kreuzfahrten wuchs. Doch parallel dazu sollte auf kaiserlichen Wunsch auch die Seemacht Deutschland ausgebaut werden, Werften und Reedereien beteiligten sich mit der Konstruktion von Kriegsschiffen am Wettrüsten vor allem mit Großbritannien. Albert Ballin betrachtete diese Zuspitzung mit Sorge, verstand er die weltumspannende Schifffahrt doch auch als einen Akt der Völkerverständigung – auf die sein Unternehmen umgekehrt ebenso angewiesen war.

Als die Hapag 1912 in Hamburg vor Hunderttausenden jubelnder Zuschauer das größte Schiff der Welt taufte, sechs Wochen nach dem Untergang der britischen „Titanic“, befahl der Kaiser, es solle „Imperator“ heißen – und zwar nicht „die“, wie bei Schiffen üblich, sondern „der“ „Imperator“.

Der Luxusliner war ein Schiff der Superlative, technisches Meisterwerk und Demonstration der deutschen Machtansprüche zugleich. „So stand der ,Imperator‘ für den Zwiespalt zwischen der friedlichen Völkerverbindung, der er diente, und aggressiver imperialistischer Geste, die er zur Schau trug“, resümiert die Ballin-Biografin Susanne Wiborg. Zwei Jahre später begann mit der deutschen Kriegserklärung an Russland und Frankreich der Erste Weltkrieg.

Albert Ballin, der Kosmopolit, der sein Flaggschiff hatte „Europa“ nennen wollen, war entsetzt. „Da habe ich nun, wenn ich von mir reden darf, mein Leben hindurch etwas aufgebaut, was dem Deutschen Reich doch ungeheure Werte verschafft hat“, sagte er kurz nach Kriegsausbruch bitter zu Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, „und dann kommen Sie und ein paar andere und werfen das alles um. Und ich bin nur ein Beispiel – dem ganzen Volk, der ganzen Volkswirtschaft geht es ebenso.“

Warum Hapag-Lloyds Flaggschiffe Europa im Namen tragen

Tatsächlich hatten die Hapag und der Norddeutsche Lloyd in den Kriegsjahren wirtschaftlich zu leiden. Die Arbeiter mussten an die Front, der deutsche Überseeverkehr brach zusammen. Der Pazifist Ballin, für den der Erste Weltkrieg „der dümmste und blutigste aller Kriege“ war, setzte sich weiter für ein friedliches Miteinander in Europa ein, doch er verzweifelte zusehends, „seine“ Hapag schien dem Ende nahe. „Als die Welt, in der er verwurzelt war, zerbrach“, so Wiborg, „vergiftete sich der 61-jährige Albert Ballin.“ Er starb mit dem Kaiserreich, am Mittag des 9. November 1918.

Entgegen Ballins Befürchtung ging die Hapag nicht unter. Es folgten die auch für die Kreuzfahrt gol­denen Zwanzigerjahre, das Unternehmen überstand den Nationalsozialismus und fusionierte später, 1970, mit dem Rivalen aus Bremen zur Hapag-Lloyd AG. Das Konzept der Kreuzfahrt wurde immer beliebter, und die Flaggschiffe der Reederei tragen heute – der Vision Ballins von einem geeinten Kontinent folgend – die Namen „Europa“ und „Europa 2“. „Die Schiffe von Hapag-Lloyd Cruises sind herausragend in ihrer Klasse“, so die Unternehmenssprecherin Corlijn Schönknecht. Und die Geschichte der Kreuzfahrt wird weiter erzählt. Ab diesem Jahr ergänzen die Expeditionsschiffe „Hanseatic nature“ und „Hanseatic inspiration“ die Flotte, 2021 kommt die „Hanseatic spirit“ dazu. Albert Ballins Träume haben schließlich überdauert – und schwimmen gelernt…

Dieser Artikel stammt aus dem SEASIDE Magazin 2019