Neulich auf dem Weg nach Usedom ist es mir auch passiert. Myriaden von Zugvögeln pausieren auf einem Acker während Ihres Weges in den Süden. Ich musste aussteigen. Und dann war es ganz merkwürdig. Es fühlte sich irgendwie wie Naturgewalt an. Also dieses Gefühl, was mich bei Großkatzen im Zoo immer wieder übermannt. Ich habe mal ein paar Elefanten in freier Wildbahn gesehen. Da war das auch so. Aber Vögel? Irgendwie ja. Und dann auch noch vor unserer Haustüre. Deutschland liegt auf der Vogelfluglinie. Jetzt kann ich (Hobby-)Ornithologen besser verstehen.

Norddeutschland wird jährlich von rund 500 Millionen Zugvögeln überflogen. Wasser- und Landvögel nutzen zwischen Frühsommer und Herbst verschiedene Routen. Die bekannteste ist die sogenannte Vogelfluglinie. Sie führt von Südschweden über das östliche Dänemark und Schleswig-Holstein auf Hamburg zu.

Wasser- und Landvögel nutzen ab dem Frühsommer Flugrouten, die meistens über die „Drehscheibe“ Ostholstein führen. Insbesondere auf der Insel Fehmarn lässt sich der Massenzug von Greif- und Singvögeln entlang der Vogelfluglinie vortrefflich beobachten: Mauersegler läuten bereits Mitte Juli den Zug ins Winterquartier ein, Ufer- und Mehlschwalben folgen zu Tausenden, oftmals dicht über den Wellen der Ostsee. Ab Ende August dominieren Sperber, Fischadler sowie Mäuse- und Wespenbussarde das Geschehen. Der Vogelzug über Fehmarn lässt sich vom NABU-Wasservogelreservat Wallnau aus beobachten.

Während die Sing- und Greifvögel mit der Meeresüberquerung zwischen Dänemark und Deutschland eine wichtige Hürde genommen haben, stehen die von der Ostsee eintreffenden Wasservögel mit dem Erreichen der Festlandküste vor einer ganz anderen Herausforderung. Um auf möglichst kurzem Wege in die Nordsee zu gelangen, müssen sie die Landfläche Schleswig-Holsteins überwinden. Hierbei lassen sich zwei Routen unterscheiden: Ein Teil der Enten und Gänse, Möwen und Seeschwalben zieht auf dem „mecklenburgischen Wasservogelzugweg“ entlang der mecklenburgischen Küste westwärts in die Lübecker Bucht. Hier beginnt für sie der etwa 110 Kilometer lange Überlandflug zur Meldorfer Bucht und an der Elbmündung in die Nordsee.

Von der Halbinsel Priwall östlich von Travemünde kann man gut die ziehenden Meeresenten, Seeschwalben und mit etwas Glück auch Raubmöwen beobachten. Der andere Teil der Wasservögel erreicht Schleswig-Holstein über den „baltischen Wasservogelzugweg“ – aus der östlichen Ostsee kommend durch den Fehmarn-Belt und weiter Richtung Westen. Diese Zugroute führt in die Eckernförder Bucht und schließlich von dort über Land zur Nordsee. Das Wattenmeer erreichen die durchziehenden Vögel an der Eidermündung oder an der Husumer Bucht. Dieser Zugweg ist durch die geringe Distanz zur Nordsee von gerade einmal 60 Kilometern besonders günstig. Denn Wasservögel meiden längere Landpassagen.

Am augenfälligsten stellt sich der Herbstzug der Eiderenten mit täglich rund tausend Tieren dar. Zu Beginn der Zugzeit im Juni bestehen die Schwärme noch hauptsächlich aus den auffällig schwarz-weiß gezeichneten Männchen. Ab Mitte Juli kommen dann immer mehr Weibchen und schließlich auch viele Jungvögel hinzu. Oftmals lässt sich beobachten, dass erwachsene Eiderenten Schwärme aus Jungvögeln über die Landbarriere Schleswig-Holstein führen, sodass die Tradition der kürzesten Zugroute von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Jedes Jahr warten gebietskun­dige Vogelbeobachter zudem gespannt auf das Eintreffen der verwandten Trauerenten. Diese Art überquert in Höhen von mehr als tausend Metern Schleswig-Holstein. Ringelgänse überfliegen ab September bis spät in den Oktober das Festland. Wer die durchziehenden Gänse genau anschaut, erkennt anhand des fehlenden weißen Flecks an der Halsseite sowie der dunkleren Flanke die Jungvögel. Auch Freunde von Watvögeln, die sich an der Nordsee zu riesigen Schwärmen zusammenfinden, kommen beim Beobachten des Vogelzugs über der Ostsee auf ihre Kosten: Die typischen Arten sind Austernfischer, Goldregenpfeifer, Großer Brachvogel, Alpenstrandläufer sowie Pfuhlschnepfe und Knutt, die den Weg zum Wattenmeer über Eckernförde wählen. Gerade bei diesen Arten ist eine rasche Bestimmung wichtig, denn sie ziehen meist ohne große Umschweife direkt und in hoher Geschwindigkeit über die Bucht hinweg.

Der Artikel ist in SEASIDE #1/2016 erschienen. Mit freundlicher Unterstützung vom Magazin Vögel. ; Foto: M. Thurm