Seewesen. Die nahezu neutrale Betrachtung der Hauptakteure und der Geschichte hinter den Geschichten. Eine, die sich auskennen muss, fasst zusammen.

Text: Undine Schaper

Der Mythos der Meereswesen, Nixen, Nymphen, Seejungfrauen, Undinen und Nereiden lebt seit Menschengedenken – eine schöne Frau mit Fischschwanz. Unnahbar. Geschlossen. Kann man die knacken? Ja. Und da beginnt die Geschichte.

Die kleine Meerjungfrau im Gemälde – und in einer Pose, wie sie auch als Bronzefigur an der Uferpromenade Kopenhagens sitzt. 
Artwork: The Little Mermaid - At Odds with the Sea by Lisa Keene
Die kleine Meerjungfrau im Gemälde – und in einer Pose, wie sie auch als Bronzefigur an der Uferpromenade Kopenhagens sitzt.
Artwork: The Little Mermaid – At Odds with the Sea by Lisa Keene

Generationen von Kindern erklärte der dänische Dichter Hans Christian Andersen (1805 – 1875), dessen Märchen in 150 Sprachen übersetzt wurden, worum es bei den weiblichen Seewesen eigentlich geht:

Eine Meerjungfrau verliebt sich in einen irdischen Mann. Nur durch ihn kann sie zu einer unsterblichen Seele (im christlichen Sinne) gelangen, die Nixen aufgrund ihrer Herkunft eigentlich verwehrt ist. Denn sie werden 200 Jahre alt und dann zu Schaum auf dem Meer. Unsterblichkeit ist bei Fischweibern nicht vorgesehen.

Um den Angebeteten zu kriegen, geht sie an Land, auf zwei wohlgeformten Beinen, die sie bei der Meer-hexe mit ihrer Zunge bezahlt hat. Nun kann sie ihn aber nicht mehr durch Gesang bezirzen. Auch eine Unterhaltung ist unmöglich.

Weil ihm das alles zu exotisch ist, heiratet er eine andere. In der Hochzeitsnacht droht der Nixe der Tod. Aber, weil er sie trotzdem liebt, geht es gerade noch einmal gut. Und die Seele der Nixe fährt dann doch noch in den Himmel…

Nüchtern betrachtet geht es hier um einen aus patriarchalischer Sicht beschriebenes Matriarchat. Unter Wasser haben die Frauen das Sagen. Eine Geschichte zwischen heidnischer Naturideologie und christlichem Glauben. Und die Frage, ob eine Frau überhaupt erst durch den Mann zu einem vollwertigen Wesen wird. Denn, um einen Mann zu bekommen, reißt sich Frau die Beine aus! Und der geht den Weg des geringsten Widerstandes und traut einfach eine andere.

Der Gläubige weiß, dass es nichts Größeres gibt, als die Auferstehung einer Seele zu Gott in den Himmel. Ich finde, ein 200-jähriges Leben, immer im Wasser, bei bester Gesundheit, das hat auch seinen Reiz. Danach als weißer Schaum auf den Wellen zu tanzen und an Strände zu spülen, ebenso.

Undinen

Nun hat Hans Christian Andersen ja nur eine alte Geschichte neu aufgepeppt. Als Vorbild diente ihm die romantische Erzählung „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué (1777–1843), die 1811 erschienen ist. Ein kleines Mädchen wird, letztlich zur Erlangung einer Seele, an ein Gestade gespült, wo Menschen es großziehen – und das Unheil seinen Lauf nimmt. Hier werden Meeres-nixen, aber auch Brunnen-Wassergeister in einen Topf geworfen. Diese beschützen die unglückliche Frau, deren Mann ebenfalls untreu ist…

Aber eine Erkenntnis bleibt: Mit Wasserfrauen darf man auf See nicht streiten. Dann kommen ihre Verwandten zum Schutz, die Wellen türmen sich in Stürmen!

Bereits der Wortstamm des Namens Undine scheint etwas mit Seele zu tun zu haben. Im arabischen Sprachraum gibt es ebenso die Silbe „Dine“, kennen wir doch alle den Vornamen eines echten Fussballgottes: Zinedine – er bedeutet scheinende (strahlende) Seele. Was heißt dann Un-dine? Klar: ohne Seele!

Sirenen

Geschichten über Seewesen gibt es seit Jahhunderten, wenn nicht Jahrtausenden. Immer wieder berichteten Seeleute von schönen Fisch-frauen in den Meeren. Bekannt ist auch die Sage um Odysseus, der sich den Sirenen – eine spezielle griechische Meerjungfrauenart, die durch ihren Sirenengesang Seeleute ins Meer locken – geschickt entzieht, in dem er sich an den Mast seines Schiffes kettet, um den Damen nicht lüsternd ins kühle Nass folgen zu müssen.

Die Sirene: Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; da war‘s um ihn geschehn: Halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn. („Der Fischer“ von Johann Wolfgang von Goethe, 1779). Abbildung: Knut Ekwall, The Fisherman and The Siren Enmerkar, Wikimedia Commons
Die Sirene: Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; da war‘s um ihn geschehn: Halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn. („Der Fischer“ von Johann Wolfgang von Goethe, 1779). Abbildung: Knut Ekwall, The Fisherman and The Siren Enmerkar, Wikimedia Commons

Nymphen

Eine Nymphe (griechisch für Braut, junge Frau, heiratsfähiges Mädchen) ist in der römischen Mythologie ein Naturgeist. In der griechischen Mythologie sind Nymphen weibliche Gottheiten niederen Ranges, welche als personifizierte Naturkräfte auftreten und mal als Begleiterinnen höherer Gottheiten, aber auch selbstständig wirkend erscheinen. Sie galten als meist wohltätige Geister der Orte, der Berge, Bäume, Wiesen oder Grotten, sind aber nicht immer an dieselben gebunden, schweifen vielmehr umher, führen Tänze auf, jagen das Wild, leben in kühlen Grotten, pflanzen Bäume und sind auf verschiedene Weise den Menschen hilfreich.

Najaden

Die Najaden sind diejenigen unter den Nymphen, die über Quellen, Bäche, Flüsse, Sümpfe, Teiche und Seen wachen.
Geräuschvolle Tätigkeiten der Menschen meiden sie. Diese Wesen galten als sterblich. Sie sollen allerdings wesentlich länger leben – bis hin zu Fast-Unsterblichkeit und ewiger Jugend. Der Tod einer Nymphe wurde meist mit dem Ende dessen, was sie verkörperte, wie etwa einer Quelle oder einem Brunnen gleichgesetzt. Trocknete dieser aus, musste sie ebenfalls sterben. Schaut man bei Wikipedia, ist eine ganze Liste einzelner in der griechischen Mythologie genannter Najaden veröffentlicht: von Aba bis Zeuxippe. Auf der Suche nach einem ausgefallenen Namen für die neugeborene Tochter vielleicht eine gute Anregung.
Denn Nixen sind immer aktuell! Dies zeigt nicht zuletzt die neue Netflix-Serie „Tidelands“, eine aktuelle australische Filmproduktion.

Zum Schluss noch ein Nixen-Gedicht von Gioconda Belli aus: Am Meer –Erzählungen und Gedichte, ISBN 978-3-934703-71-1, Edition Ebersbach, www.ebersbach-simon.de

Im Aquarium der Liebe

Unsere fischigen Körper
Schlängeln sich einer am anderen.
Deine Wasserhaut schwimmt im Schlaf
neben der meinen
deine Schuppen leuchten im mondigen Licht
das einfällt durch die Ritzen
Durchsichtige Wesen schweben wir
hineingeworfen in das Wasser unseres vereinten Atems.
Die Flossen unserer Arme und Beine berühren sich im Morgengrauen
in Sauerstoff und Wärme
die aufsteigt aus den weißen Algen
mit denen wir uns schützen vor Kälte.
An irgendeinem Punkt der Strömung
finden wir uns
glänzende Fische nähern sich den offenen Augen
winden sich und beschnuppern die bebenden Kiemen.
Ich schnappe nach dem Angelhaken deines Mundes
werde wach
und verliere die Rückenflosse
den Schwanz der Sirene.

Dieser Artikel ist im SEASIDE Magazin 2019 erschienen. Wenn ihr mehr Geschichten aus dem Norden lesen wollt, könnt ihr das Magazin portofrei bei uns im Shop bestellen: