Von Sebastian Conradt

Sie gilt nicht als Tauchparadies, kann weder mit der üppigen Formenvielfalt noch den bunten Farben der tropischen Meere mithalten, doch spätestens auf den zweiten Blick fasziniert die Ostsee mit ihrem Unterwasserleben.

Dichte Wiesen und Wälder sowie Riffe. Klare Sicht voraus. Die Sonne brennt vom strahlend blauen Himmel herab – und es ist kalt. Ein Hochsommertag, doch schon wenige Meter unter der Meeresoberfläche ist die Neoprenhaut unverzichtbar. Die Ostsee gehört zu den Kaltwassermeeren – wer wollte daran zweifeln? Nur ein paar Flossenschläge vom Strand entfernt, breitet sich in der Stille der Unterwasserwelt eine schier endlose Seegraswiese aus. Hier in der westlichen Ostsee wimmelt es darin von kleinen Tieren, und wenn man genau hinsieht, kann man die Fischchen, Krebse und Schnecken entdecken.  Weiter im Osten und Norden schwindet das Leben mit dem weiter abnehmenden Salzgehalt des Brackwassermeeres Ostsee. Dass Organismen wegen der geringeren Salinität auf das Einwandern in das Baltische Meer verzichten, birgt durchaus Vorteile.
Der gefährliche Pilz: Als in den 1930’er Jahren in der Nordsee ein Pilz wütete und fast alle Seegraswiesen vernichtet wurden, blieb der Ostseeraum verschont. Der Pilz brauchte salziges Wasser zum Überleben, das er hier nicht fand. Und somit stellen Neptuns schwimmende Gärten noch heute das bedeutendste Unterwasserbiotop der Ostsee dar.

Im westlichen und südlichen Bereich, wo gleichzeitig die meisten marinen Lebewesen vorkommen, herrscht Sandboden vor, den das Große Seegras als Lebensgrundlage benötigt. Seegräser sind ins Meer gewanderte Blütenpflanzen. Mit ihren Wurzeln können sie sich im sandigen Untergrund verankern und festigen diesen gleichzeitig. Ihre schmalen Blätter beruhigen das sie durchströmende Wasser, produzieren Sauerstoff und schaf-fen damit einen attraktiven Lebensraum für Tiere. Vor allem kleine Krebse wie Meerasseln und Schwebgarnelen suchen hier Schutz und Nahrung. Die Ostseegarnele ist der auch als „Nordseekrabbe“ bekannten Sandgarnele sehr ähnlich, dringt aber im Gegensatz zu dieser viel weiter in die Seegraswiesen der Ostsee vor und verträgt deren Salzarmut gut.

Beeindruckendes Leben: Auch Fische wie Grundeln, Seestichlinge und Heringe suchen die Seegraswiese auf, um sich zu verstecken, zu fressen, sich zu paaren und ihre Eier abzulegen. Beeindruckend ist das Tarnverhalten der Seenadeln, die zwischen den Seegräsern kaum zu entdecken sind. Wie bei den mit ihnen verwandten, in der Ostsee inzwischen extrem seltenen Seepferdchen übergeben die Weibchen dieser Fischart ihre Eier an das Männchen. Der schlanke Seenadel-Vater verfügt allerdings nicht über eine Bruttasche – er verwahrt die wertvolle Fracht offen an seiner Bauch- oder Schwanzunterseite. Um das Leben in den Fluten systematisch zu erfassen, hat Kerstin Schiele vom Leibnitz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde in über 14-jähriger Arbeit die erste Unterwasserbiotop-Karte der deutschen Ostsee erstellt. „Insgesamt konnten wir 68 verschiedene Biotoptypen identifizieren“, berichtet die Meeresbiologin. „Für rund ein Fünftel der Fläche haben wir besonders schützenswerte Biotope ermittelt: Entweder stehen sie auf der Roten Liste oder sind einfach generell sehr selten.“ Die neue Karte verbindet Informationen über vorkommende Tiere und Pflanzen mit Erkenntnissen zu abiotischen Lebensraummerkmalen wie Wassertiefe, Strömung, Salzgehalt, Wassertemperatur, Sauerstoffzehrung und Beschaffenheit des Meeresbodens. Dabei ist der Forscherin aufgefallen, dass  die Lebensräume westlich der Darßer Schwelle von der Islandmuschel dominiert werden und damit „besonders schützenswert“ sind, während weiter östlich vor allem die Baltische Plattmuschel verbreitet ist. Gefährliche Verbreitung. Als blinder Passagier im Ballastwasser oder am Schiffsrumpf der die Welt umfahrenden Ozeanriesen gelangen heute immer häufiger Tiere und Pflanzen in Regionen, die sie auf natürlichem Wege nie erreichen würden. Besonders bedrohlich schien die Entdeckung der Rippenqualle (Mnemiopsis leidyi) in der Ostsee vor ein paar Jahren, war diese Art doch als berüchtigter Fischkiller bereits aus dem Schwarzen Meer bekannt. Die Befürchtungen liefen jedoch ins Leere: Für große Gefräßigkeit ist der Rippenqualle die Ostsee zu kalt. Und so bleibt uns das Vergnügen, die irisierende Lightshow dieses Alien einfach nur zu bewundern!

Da unterseeische Hartgründe, die zu den artenreichsten Lebensräumen der Erde zählen, hier weitgehend fehlen, übernehmen in der Ostsee von Menschenhand geschaffene Strukturen eine ähnliche Funktion für Flora und Fauna. So hat sich gezeigt, dass nicht nur Hafenanlagen und gesunkene Schiffswracks besiedelt werden, auch die neuen Fundamente von Offshore-Windenergieanlagen eignen sich als Ersatz für einen felsigen Untergrund. Außerdem wurde vor Nienhagen auf 50.000 Quadratmetern ein künstliches Riff aus Beton und Naturstein geschaffen. Verstecke in der Tiefe des Ozeans. Gleitet man hier hinab in die Tiefe, so findet man unzählige Tiere und Pflanzen, die sich fest an den Stein angedockt haben, um nicht verdriftet zu werden. Blumentiere und Seepocken ernähren sich von dem, was ihnen die Strömung quasi vor die Haustür spült. Bewegliche Tiere wie vor allem Krebse nutzen die Nischen und Höhlen als schützende Behausung. Daneben heften sich Miesmuscheln zu großen Polstern am Gestein an. Mit ihrem weit ausgestreckten, schmalen Fuß kleben sie selbstgebildete sogenannte Byssusfäden an den Untergrund, um der Strömung standzuhalten.

Seesterne haben Miesmuscheln zum Fressen gern. Mit ihren kräftigen Armen umschlingen sie das Tier ihrer Begierde und ziehen dessen Schalen so lange auseinander, bis die Muskeln der Muschel für nur wenige Millimeter nachgeben. In diesen Spalt stülpt der Seestern seinen Magen und verdaut sein Opfer außerhalb des eigenen Körpers.

Auch Kegelrobben und Schweinswale profitieren vom Reichtum der Hartböden und suchen hier nach Nahrung.

 Fotos & Text: Sebastian Conradt

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